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Das Pferdegebiss – was tun und was nicht – von Dr. Thomas Schulte, Rechtsanwalt in Berlin

Auch Pferde müssen bekanntlich zum Zahnarzt. Rechtlich handelt es sich genauso wie bei dem Menschen um einen Dienstvertrag nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch. Wichtige Unterschiede sind natürlich: Anders als bei der Zahnbehandlung von Menschen gilt nicht die Niederlassungspflicht mit der Aufforderung, dass die zahnärztliche Behandlung regelmäßig in der Zahnarztpraxis stattfinden muss.

Der Tierarzt muss traditionell in den zugigen Stall zum Tier. Hinzukommt das Problem der mangelnden Einsicht des Tieres. Während der Mensch brav den Mund aufmacht, musst das Tier mehr oder minder gezwungen werden. Dann muss ein Maulgatter her, da es ansonsten nicht möglich wäre, dass Tier zu behandeln.

Selten Urteile über Schadensersatz wegen fehlerhafter Behandlung der Pferdezähne

Der Bundesgerichtshof hat schon im Urteil vom 12.04.1983 entschieden, dass der Tierarzt eine sorgfältige und gewissenhafte Untersuchung und Behandlung des anvertrauten Tieres unter Einsatz der von einem gewissenhaften Veterinärmediziner zu erwartenden tiermedizinischen Kenntnisse und Erfahrungen (VI ZR 197/81). Das ist schön gesagt und wird offenbar regelmäßig beachtet. Urteile über Schadenersatz wegen fehlerhafter Behandlung der Pferdezähne sind selten. Während also ständig über den Ankauf und Verkauf von Pferden vor Gericht gestritten wird, schweigt hier die Rechtsordnung. Es ist aber zu beobachten, dass gerade bei Rechtsstreitigkeiten rund um den Eigentümerwechsel die sogenannten Ankaufuntersuchungen durch den Tierarzt mit in den Fokus kommen.

Der Tierarzt arbeitet mit schwerem Gerät beim Pferdegebiss

Der Deutsche ist Vereinsmeier. So haben Fachleute eine Internationale Gesellschaft zur Funktionsverbesserung der Pferdezähne e.V. gegründet, die sich der Pferdegesundheit bemüht. Anders als der Eindruck mangelnder Beschwerden über unzureichend ausgebildete Tierärzte, meint diese Interessenvertretung, dass „die Qualität der Pferdezahnpflege in Deutschland weltweit auf einem der letzten Plätze steht“.

Der Verein weist weiter auf folgendes hin:
„Den meisten Reitern ist es immer noch nicht bewusst, dass nicht nur die Pferdehufe sondern genauso die Pferdezähne in unserer heutigen Haltungsform eine regelmäßige Pflege brauchen. Das Pferd ist ein Fluchttier, für das die zwei wichtigsten Dinge im Leben das Laufen mit gesunden Beinen und Hufen und das Fressen mit gesunden Zähnen sind. Eine regelmäßige Pflege von Zähnen und Hufen ist folglich absolut notwendig für die Gesundheit und das Wohlbefinden des Pferdes.
Hufe wachsen nach und werden sich bei der hier in Europa üblichen Pferdehaltung nicht von alleine optimal abnützen. Das heißt der Huf wird bei weichem Boden zu lang werden und bei zu hartem und steinigem Boden der Beanspruchung nicht standhalten. Deshalb müssen Pferdehufe durch Hufschmiede oder Hufpfleger (Spezialisten auf ihrem Gebiet) in regelmäßigen Abständen kontrolliert und bearbeitet werden.
Für Pferdezähne gilt ähnliches. Auch die bleibenden Zähne wachsen bis zum Alter von etwa 6 Jahren. Dann haben die Backenzähne der Pferde mit der sehr langen Reservekrone (Bereich zwischen äußerlich sichtbarer Krone und Wurzelspitze) eine Länge von etwa 10 cm erreicht. Die Schneidezähne sind dann etwa 7 cm lang. Im Jahr schieben sich die Pferdezähne nun etwa 1-3 mm aus dem Zahnfach heraus und werden im Idealfall auch um diese Länge beim Fressen abgenützt.
Allerdings ist das Gebiss des Pferdes nicht für unsere heutige Haltungsform und die entsprechende Fütterung mit vergleichsweise wenig strukturiertem Futter geschaffen. Pferde sind keine Körnerfresser. Das Gebiss der Pferde ist darauf spezialisiert hartes Steppengras abzubeißen und zu zermahlen. In der freien Wildbahn sind Pferde den ganzen Tag damit beschäftigt verwertbares Gras zu suchen und zu fressen. Dagegen bekommen sie bei der heute üblichen Haltungsform zwei bis drei Mal täglich weicheres und energiereicheres Futter als es die Natur vorgesehen hat. Dies führt zu einer nicht ausreichenden bzw. ungleichmäßigen Zahnabnutzung. Deshalb muss auch hier (genauso wie beim Huf) eine regelmäßige Kontrolle und gegebenenfalls Korrektur durch einen Fachmann stattfinden, und zwar 1-2 Mal im Jahr.
Der Pferdezahn und eigentlich das gesamte Pferdegebiss unterscheiden sich anatomisch und funktionell deutlich von dem des Menschen. Beim Menschen bildet der Zahnschmelz (die härteste Zahnsubstanz) nur eine äußere Schutzschicht um das weichere Dentin. Beim Pferd ist der Zahnschmelz in den Zahn eingefaltet. Diese Falten wechseln sich dementsprechend auch auf der Reibefläche des Zahnes mit dem weicheren Dentin ab. Dadurch entsteht eine raue Kaufläche, die das Pferd zur Zerkleinerung der pflanzlichen Nahrung braucht.
Was für eine Arbeit und Kraft zur Zerkleinerung harter und strukturreicher pflanzlicher Nahrung notwendig ist, kann man sich klarmachen, wenn man selber versucht ein paar Halme Heu klein zu kauen. Das menschliche Gebiss ist damit vollkommen überfordert.“

Pflichten nach dem Tierschutzrecht

Der Halter eines Tieres ist für sein Wohl verantwortlich. Das ist der Leitgedanke der Rechtsordnung. Daraus folgt aus, dass eine qualifizierte medizinische Betreuung des Tieres geschuldet ist. Leider ist ein Pferd nach der Rechtsordnung nicht klagebefugt. Eine mangelnde Zahnpflege beim Pferd führt zu offenen Stellen im Mund und zu dauerhaften Schmerzen.