Zahnarzthaftung: Beschleifen von Milchzähnen führt zum Schadenersatzanspruch

Junger Patient erhält nach Urteil vom Oberlandesgericht 2.000 € Schadenersatz – von Dr. Thomas Schulte, Rechtsanwalt in Berlin 

Das Oberlandesgericht Hamm hat durch Urteil vom 04.07.2017 (Az. 26 U3 /17) einen Schadenersatzanspruch i.H.v. 2.000,00 € Schmerzensgeld zugunsten eines jungen Patienten festgelegt. Damit hat das OLG Hamm eine erstinstanzliche Entscheidung des Landgericht Detmold ausdrücklich bestätigt.

Der beklagte Zahnarzt bzw. dessen Versicherung musste 2.000,00 € dafür zahlen, dass beim Beschleifen von Milchzähnen so viel Material abgetragen wurde, dass eine ungleichmäßige Oberfläche entstanden war. Dies sei ein grober zahnärztlicher Behandlungsfehler.

Sorgfaltspflichten und höchste Ansprüche gelten auch abseits des Tagesgeschäfts

Dentistenumschau

Dr. Thomas Schulte, Rechtsanwalt

Dem Urteil lag ein medizinischer Sonderfall zugrunde: Die Klägerin war in kieferorthopädischer Behandlung bei den Zahnärzten in Detmold. Mehrere bleibende Zähne waren nicht angelegt, sodass es therapeutisch angezeigt war, die Milchzähne möglichst lange zu erhalten und ggf. später durch Implantate zu ersetzen. Eine Zahnärztin aus der Praxis beschliff die Zähne, um eine spätere implantologische Versorgung möglich zu machen. Die Milchzähne wurden in ihrer Breite verkleinert. Dieses sei fehlerhaft gewesen, da die Milchzähne sofort sehr schmerzempfindlich geworden seien und zugleich sofort Karies aufgetreten sei. Das Gericht bediente sich eines Gutachtens, um die fachlichen Fragen zu klären. Bei den Milchzähnen sei zu viel Material entfernt worden. Dadurch seien Dentinwunden entstanden. Nur das Erzielen eines optisch harmonischen Ergebnisses rechtfertige die Behandlung nicht.

Klassische Vorgehensweise des Gerichts

Dadurch sei es notwendig, einen Schadenersatz von 2.000,00 € auszusprechen. Es handelt sich um eine klassische Entscheidung, bei der eine Haftung ausgesprochen wird für eine fehlerhafte Behandlung. Nach den Grundsätzen der Rechtsprechung ist auch in Sonderfällen eine medizinisch optimale Betreuung erforderlich. Gegebenenfalls hat der mit dem Fall befasste Arzt die Behandlung abzulehnen und den Patienten anderweitig zu überweisen.

Prüfungsschema Arzthaftungsrecht

Juristen prüfen Ansprüche von Patienten gegen behandelnde Mediziner in klassischer Weise wie folgt:

Haftung Schadensersatzrecht

Es wird geprüft, ob eine Haftung aus einer Verletzung der Sorgfaltspflichten eines Behandlungsvertrag vorliegt (§ 280 Bürgerlicher Gesetzbuch) oder Haftung aus unerlaubter Handlung (§ 823 Bürgerliches Gesetzbuch) im Sinne einer Körperverletzung.

Ein Behandlungsvertrag liegt regelmäßig vor, wobei es im Grunde keine Rolle spielt, ob ein Privatpatient oder ein Kassenpatient behandelt wird. Dieser Vertrag gibt dem Arzt Pflichten, wie Organisationspflichten, Diagnosepflichten und Pflichten zur qualifizierten Behandlung. Falls der Arzt hiergegen verstößt und ein Schaden eintritt, ist der Arzt zur Haftung verpflichtet. Diese Behandlung gilt dann auch als Körperverletzung.